Burgruine

Eine hussitenzeitliche Kastellburg

Das malerische Fachwerkstädtchen Zeil am Main kennen bevorzugt jene, die guten Frankenwein lieben. Dabei hat die in Zusammenhang mit den Bamberger Hexenverbrennungen im 16. & 17. Jahrhundert zu unrühmlichen historischen Ehren gelangte Stadt neben eindrucksvollen Resten ihrer Stadtmauer und der bekannten Wallfahrtskapelle hoch oben auf dem Kapellenberg auch eine burgenkundlich durchaus bedeutende Burganlage zu bieten: Schmachtenberg. Von einem Bergausläufer gleich südlich der Stadt das weite Maintal überblickend, zeugt talseitig von dieser Burg heute lediglich noch ein hohes Fragment ihrer Südwand.

Zankäpfel zwischen Würzburg und Bamberg: Burgen

Herrschaftspolitik war im Mittelalter auch Burgenpolitik. Die Burg bildete in verwaltungstechnischer, wirtschaftlicher, juristischer, militärischer, höfischer und optischer Hinsicht das feste Zentrum einer Herrschaft. Herrschaft und Burg gehörten unabdingbar zusammen. Daher waren Kämpfe um Herrschaften und Herrschaftsansprüche auch immer Auseinandersetzungen um Burgen.

 

 

In den Haßbergen, an deren Westrand Zeil am Main liegt, durchdrangen sich seit dem 11. Jahrhundert die Territorien der Bistümer Bamberg und Würzburg, prallten deren Macht- und Herrschaftsansprüche aufeinanander. Die Würzburger Bischöfe betrieben dabei aggressive Territorialpolitik, scheuten gegenüber der Krone auch vor Verleumdung und fingierten Anklagen nicht zurück, um in Besitz von Bamberger Herrschaften bzw. Burgen zu gelangen: 1168 fiel Bramberg an Würzburg, 1254 angeblich Altenstein, 1322/23 Rotenhan. Den befestigten Ort Zeil samt Schmachtenberg dagegen vermochte das Hochstift Bamberg mühsam als nördliche Enklave gegen Würzburg zu halten.'

Die Burgen der Stadt Zeil am Main

Bischof Otto der Heilige besaß im frühen 12. Jahrhundert ein steinernes Haus - domus lapidea - im Ort Zeil, das wohl mehr der Repräsentation denn militärischen Zwecken diente, und dessen Lageplatz irgendwo im Ortskern längst verschollen ist. 2 Die eigentliche Zeiler Burg des 12.113. Jahrhunderts - das castrum zilanum - war, wie der engagierte Heimatforscher Hermann Mauer 1967 akribisch nachwies, eine Höhenburg auf dem Bergsporn der späteren Wallfahrtskirche. 3 Hin und wieder kamen von dieser wohl in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts aufgelassenen Burg anlässlich zufälliger Bodeneingriffe ein paar spärliche Reste zu Tage.

 

Über das Alter der Burgruine Schmachtenberg wurde reichlich spekuliert und geschrieben, ohne dass man deren Mauerwerk einer fachkundigen Untersuchung unterzog. Die meisten der Autoren, darunter auch Maurer, 4 favorisierten eine Entstehung „um 1250", andere dagegen „um 1350" (siehe hierzu auch die gängigen Webseiten im Internet), wohingegen einige wiederum die alte Zeiler Burg hartnäckig nach Schmachtenberg verlagerten. Keiner von ihnen sollte Recht behalten, nicht einmal das 1912 von Hans Karlinger angefertigte Kunstdenkmälerinventar, das die Burg gleichsam ins 13. Jahrhundert datierte.

Zur Geschichte der Burg Schmachtenberg

Vor Ort herumliegende bzw. als Spolien vermauerte Buckelquader stammen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht von einer an gleicher Stelle befindlichen Vorgängerburg, sondern vom Abbruchmaterial des castrum zilanum. Das in der „Kapelle" gefundene, angeblich dem 13. Jahrhundert zugehörige Rippenstück mit dem Profil eines geschärften Rundwulstes datiert tatsächlich ins 15. Jahrhundert. Die Burg Schmachtenberg selbst wird erst 1466 direkt erwähnt, als im Zuge einer handfesten Zwistigkeit zwischen den Bamberger und Würzburger Bischöfen Kriegsmannen des letzteren die Burg einnahmen und beschädigten. Ach Jahre später, 1474, bestückte Bamberg die Burg mit Handbüchsen, Pulver und Blei, zwei Jahre später bezog der bambergische Amtmann Quartier auf der Burg. Dennoch gelang es den aufständischen Bauern am 17. Mai 1525 offenbar mühelos, die Burg einzunehmen. Für die damals angerichteten Beschädigungen mussten die Bauern Wiedergutmachungsgelder zahlen, wobei wir von Reparaturarbeiten an sechs Türmen erfahren.

 

Nur 29 Jahre später, 1554, wurde die Veste während des 2. Markgrafenkrieges erneut in Mitleidenschaft gezogen, als die Truppen des Markgrafen Albrecht Alcibiades von Ansbach Kulmbach die Burg plünderten und anzündeten. Bereits zu dieser Zeit hatten sich die Bamberger Bischöfe ein kleines Talschlösschen unterhalb der Burg errichtet. Mit der Halbruine ging es trotz einer notdürftige Instandsetzung 1645, kurz vor Ende des Dreißigjährigen Krieges, weiter bergab. 1695 diente sie den Bauarbeiten am Stadtschloss (heute Finanzamt) als Lieferant für Baumaterial. 1805 verkaufte der bayerische Staat die Ruine an privat, woraufhin der damalige Eigentümer Freiherr Sigmund von Rotenhan 1826 einen historisierenden Wiederaufbau der Burgruine plante, der allerdings nicht zur Ausführung kam. 1940 war die Ruine vorübergehend teilbewirtschaftet; damals waren noch mehrere Gewölbe sichtbar. Heute ist sie Eigentum der Familie Huck

Die Sanierung der Burgruine

1995 fasste die Stadt Zeil auf Initiative ihres denkmalpflegerisch stark engagierten Bürgermeisters Christoph Winkler den Entschluss, parallel zur Stadtmauer die in fortgeschrittenem Verfall befindliche, allerdings von einem vielbegangenen Weinwanderweg („Abt-Degen-Steig") durchquerte Burgruine in Einverständnis mit dem Eigentümer zu sanieren. Beide Sicherungsmaßnahmen erfolgten unter Leitung des Büros für Burgenforschung Dr. Zeune.1996 und 1997 wurde der erhaltene Baubestand photographisch in Großbildern dokumentiert, dann, verbunden mit einer Kartierung der Bauschäden, befundet. Aus der Schadenskartierung, die durch ein umfassendes Statikgutachten ergänzt wurde, entwickelte sich ein mehrjähriges Sanierungsprogramm, das mit Genehmigung und Unterstützung sowohl des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege als auch des Eigentümers im Herbst 1997 an der sog. „Hohen Wand", der hochaufragenden südlichen Wand des Torzwingers, anlief und sich schließlich auf den gesamten Torzwinger und die Ostseite ausweitete, begleitet von der dringend erforderlichen Freiholzung des Burgareals. Nach einer finanzbedingten zweijährigen Pause soll im Jahr 2004 die hoch aufragende Nordwand, dann der restliche Baubestand gesichert werden. Ziel der mustergültigen Sanierung ist es, die erhaltenen Mauern mit minimierten Baueingriffen möglichst behutsam zu konservieren und dabei den pittoresken Ruinencharakter zu bewahren.

 

Die Hintergründe zum Bau der Burg Schmachtenberg

Während wir anfangs ein Baudatum um 1460 favorisierten und aufgrund des identischen Mauerwerks von Burg und Stadt von deren Gleichzeitigkeit ausgingen,'() konnten wir im Zuge unserer Befundung sowohl aus der Stadtmauer als auch der Südwand der Burgruine Schmachtenberg bauzeitlich vermauerte Rüstholzer bergen und dem Jahrringlabor Hofmann, Nürtingen, zur dendrochronologischen Altersbestimmung übergeben. Das Ergebnis überraschte angenehm, denn die Rüsthölzer zum Bau der Stadtmauer waren spätestens 1438 und frühestens zwischen 1392 und 1425 gefällt worden, wobei die Wahrscheinlichkeit für eine Fällung zwischen 1425 und 1438 mit 95% sehr hoch lag.[ l Das Rüstholz der Burg Schmachtenberg war spätestens im Jahr 1437 und frühestens 1407 gefällt worden. Burg und Stadt entstanden also tatsächlich zeitgleich in den Jahren um 1430, waren beide jedoch bestimmten Schießschartenformen zufolge im späten 15. oder 16. Jahrhundert nochmals auf den neuesten Stand der Wehrtechnik gebracht worden. Weder Stadtmauer noch Burg stammten also aus dem 13. Jahrhundert! Wir können mutmaßen, dass das alte castrum zilanum um 1430 aufgrund seiner ungünstigen Höhenlage und seines maroden Baubestandes erheblich an militärischer Bedeutung verloren hatte. Offenbar nahm der Bamberger Bischof die Einfälle der Hussiten zum Vorwand bzw. Anlass, eine neue, näher zum Tal und seinen Verkehrswegen gelegene Burganlage als neuen Verwaltungssitz zu errichten. Diese konnte, da die alten Reisewege randseitig des Maintales verliefen, aufgrund ihrer vorgeschobenen Position tatsächlich begrenzt auch militärstrategische Funktionen ausüben, diente aber in erster Linie als neues unübersehbares Herrschaftszeichen: Mit dieser neuen mächtigen Burg wollte der Bamberger Bischof den Expansionsbestrebungen seines Würzburger Kollegen zweifelsohne einen unübersehbaren Markstein entgegensetzen. Kein Wunder, dass der Würzburger Bischof diese ihm ärgerliche Veste umgehend zu eliminieren suchte.

Eine hussitenzeitliche Kastellburg

Die Burg erhob sich 80 m über dem Ort Schmachtenberg vom Rand des Maintales, mit einem weiten Einblick in das Tal, oberhalb der alten Straße, diese und das Tal optisch dominierend. Der Lageplatz suchte offenbar die Nähe zum Tal, belegte das langgestreckte westliche Ende eines Hangsporns, der nach Norden und Süden steil, nach Westen mäßig steil abfällt 1). Nach Osten grenzt überhöhtes ansteigendes Gelände direkt an, das weiter östlich in ein Hochplateau übergeht. Demgemäß schaltete man der Kernburg nach Osten einen 15 m breiten Halsgraben, eine geräumige Vorburg und einen Außengraben vor; auch nach Westen tiefte man einen Halsgraben ein, wodurch westlich der Burg ein kleines dreieckiges Hangplateau entstand.

Der Zugang erfolgte von Osten her durch die Vorburg, wo nahe des Südhanges eine hölzerne Brücke den Halsgraben überspannte und zum Tor im Südosteck führte. Wehrtechnisch war der Lageplatz wegen des vor allem von Osten nahe an die Burg herankommenden überhöhten Geländes sicherlich ungünstig gewählt. Überraschenderweise ignoriert die Burgkonzeption diesen erheblichen fortifikatorischen Nachteil weitgehend, indem man eine recht regelmäßige Grundrissform in Gestalt eines leicht trapezförmigen Vierecks, mit Seitenlängen von 56 m (Ostseite) x 42 m (Nordseite) x 47 m (Westseite) x 37 m (Südseite), wählte. Jedes Eck des Vierecks wurde durch einen Rundturm bewehrt, wobei jene am Südosteck und wohl auch am Südwesteck leicht hufeisenförmig ausgebildet waren. Von diesen vier Rundtürmen ist der am Nordwesteck sehr gut, jener am Südostteck nur fragmentarisch erhalten. Der Nordostturm konnte 1972 archäologisch nachgewiesen werden, jener am Südwesteck über einen noch vor wenigen Jahrzehnten sichtbaren Schuttkegel. Die beiden südlichen Türme standen aufgrund des steil abfallenden Südhanges ein Stück Richtung Norden vorgeschoben. Hinter ihnen erstreckte sich entlang der Südseite ein 6-7 m breiter Torzwinger, der durch ein großes Portal im Südosteck erreicht wurde. Dadurch schirmte der Südostturm zwar das Burgtor ab, das jedoch dem Flankierungsfeuer des Nordostturms entzogen war.

Der Torzwinger war sicherlich nicht, wie Mauer vermutete, im Bereich des Tores überdacht und durch „Mordlöcher" bewehrt, da die Kragbögen der südlichen Zwingerwand lediglich einen gedeckten Wehrgang trugen. Auch an der Nordseite soll einst ein im Jahr 1912 völlig beseitigter Zwinger existiert haben. 13 Dies lässt sich mittlerweile ohne entsprechende archäologische Bodeneingriffe nicht bestätigen, vielmehr deutet die heutige Topografie nicht mehr auf einen solchen Zwinger hin.

 

Zumindest an der Süd- und Nordseite war die Mauerkrone durch eine leicht vorkragende Brustwehr mit kleinen quadratischen Schießfenstern und den Boden durchdringenden Senkscharten bewehrt, wobei der Wehrgang durch innseitige Kragbögen zusätzlich um 60-70 cm verbreitert wurde, um die erforderliche Gesamtbreite von etwa 120 cm zu erreichen. Diese Konstruktion findet sich absolut identisch an der Stadtmauer. Die Brustwehr war im Übrigen der einzige Bestandteil des Berings, der - abgesehen von den Schießscharten der Ecktürme - aktiv zur Verteidigung beitragen konnte.

 

Die Flankierungstürme zeigen sich als schlanke Rundtürme von etwa 7 m Außendurchmesser und sprangen nach Norden vollflankierend von den Ecken hervor, nach Süden dagegen leicht zurückgezogen halbflankierend. Der sehr gut erhaltene Nordwestturm besaß ein ungewölbtes Untergeschoss, das vom Obergeschoss durch eine Kragtreppe erreicht wurde. Im Rauminneren durchdrangen drei mannshohe, schmale schulterbogige Schießkammern die 1,3 m dicke Mauer. In ihnen öffneten sich in Bauchhöhe kleine Nischen mit Rundlochscharten, die sekundär zu Schlüsselscharten umgestaltet wurden. Zwei der Schießscharten bestrichen die beiden angrenzenden Kurtinen. Ein ähnliches Arrangement erhielt das überwölbte Obergeschoss, das vom höher liegenden Burghof aus direkt zugänglich war. Hier waren es allerdings spatenförmige Senkscharten, die sich von den Nischen aus bedienen ließen. Da sich im Turminneren keine Treppe nach oben nachweisen lässt und das Kuppelgewölbe einen Zugang nach oben ausschließt, dürfte dieser Turm nicht viel höher gewesen sein.

 

Der südöstliche Rundturm scheint fast identisch ausgeführt worden zu sein, ragte jedoch ein Geschoss höher auf. Dies hängt zweifelsohne damit zusammen, dass das Gelände nach Osten weiter ansteigt und ohne dementsprechende Überhöhung sowohl weder einzusehen noch zu bestrichen war. Auch der Nordostturm dürfte folglich drei Geschosse hoch aufgeragt haben.

Ein architektonisch interessantes Detail ist das abgetreppte Sockelgesims der Westkurtine, das in mehreren Stufen nach Süden ansteigt, dann jedoch unvermittelt abbricht. Nach Norden ist dieses Gesims verschüttet, so dass der Anschluss an den Nordwestturm nicht klar ist; es dürfte aber in das Sockelgesims des Nordwestturmes und der Nordkurtine übergegangen sein. Dort setzt es an einer größeren Reparaturzone vorübergehend aus. Abgesehen von dekorativen Effekten sollte dieses Sockelgesims dem Mauerfuß mehr Stabilität verleihen, da der Bauplatz ursprünglich ein stark zerklüftetes Oberflächenrelief besaß, das sich auch durch Planierungen und Abtragungen nicht ganz egalisieren ließ.

 

Ohne archäologische Eingriffe können wir nichts über die ehemaligen Hofniveaus aussagen. Wir wissen lediglich, dass das Schwellenniveau des Burgtores etwa anderthalb Meter höher als heute lag. Am Nordzwinger erstreckt sich ein älteres Bodenniveau dagegen etwa 20 cm unter dem heutigen Schuttniveau, markiert durch Entwässerungsöffnungen. Auch die Tür ins Obergeschoss des Nordwestturmes verweist auf ein nur geringfügig tiefer liegendes Zwingerniveau. Was den enormen Schuttkegel sich im Kernbereich der Hauptburg verursacht hat, entzieht sich völlig unserer Kenntnis. Stimmt die Schriftquelle von 1525, die sechs Türme erwähnt, so müssten zur Burg zwei weitere Türme gehört haben. Zu einem Neubau des 15. Jahrhunders passt ein Bergfried klassischer Prägung nicht mehr. Denkbar wäre, dass es entweder ein wohnturmartiges Hauptgebäude, eine sog. Kemenate, in der Kernburg gab. Ein weiterer Turm könnte auch gut auf dem dreieckigen Westplateau gestanden haben.

Im Kernbereich selbst ist nur noch ein 10 x 15 m großer Gewölbekeller vorhanden, mit langem steilen tonnengewölbten Kellerhals, in den seitlich ein Wandbehälter eingelassen ist. Wegen des Fledermausschutzes wurde dieser Keller nicht befundet. Er soll zwei Schachtfenster besessen haben, deren Außenöffnungen heute aber unter dem Schutt begraben liegen, und diente sicherlich Wirtschafts- bzw. Lagerzwecken. Was die sog. „Kapelle" betrifft, so sind alle bisherigen Deutungsversuche mit dicken Fragezeichen zu versehen. Das Kunstdenkmälerinventar vermutet, dass sich die Kapelle ebenerdig in einem kleinen Raum am Westende des Torzwinger bzw. Südzwingers befand, da sich dort anspruchsvolle Bauformen wie ein schönes Rippengewölbe und eine sorgsam gearbeitete Spitzbogentür nachweisen lassen. Ein Grundriss von 1940 geht sogar noch ein Stück weiter und bezeichnet den gesamten Süd- bzw. Torzwinger absurderweise als „gewölbte Kapelle" und weiter westlich anschließende, eigentlich nicht vorhandene Räumlichkeiten als „Sakristei". Gegen einen kleinen ebenerdigen Kapellenraum am Westende des Südzwingers spricht nicht nur die befremdliche Position am Ende des Erdgeschosstraktes, sondern der Umstand, dass der Chor bzw. Altar direkt neben dem Spitzbogenportal untergebracht gewesen sein müsste. Kleine vornehmere Räume mit Kreuzrippengewölbe dienten auf Burgen nicht nur als Kapellen, sondern zu allen möglichen repräsentativen Zwecken. Kapellen waren ohnehin eher in den Obergeschossen untergebracht, so dass allenfalls das kleine Gemach im 1. Stock als Kapelle gedient haben könnte. Es bleibt aber zu überlegen, wie der Zugang vom Torzwinger in die Hauptburg erfolgte, denn den erhaltenen Baubefunden zufolge kann dieser nur über den „Kapellenraum" erfolgt sein, so dass dieser eher eine kleine, repräsentative Torhalle darstellte.

Unklar bleibt auch die direkte Wasserversorgung der Burg. Wasser wurde nachweislich durch Esel angeliefert, außerdem existierten außerhalb der Burg eine Zisterne und eine weet - ein kleines Wasserbecken. 15 Jedoch ist nicht überliefert, ob die Burg einen eigenen Brunnen und/oder eine eigene Zisterne besaß.

 

Wir wissen von der Burg Schmachtenberg, dass sie mehrmals belagert, eingenommen und teilzerstört wurde, z.B. 1466, 1525 und 1554, stets mit nachfolgenden Reparaturen. All diese Ereignisse haben ihre Spuren deutlich sichtbar im Mauerwerk hinterlassen, wo sich zahlreiche kleinere und größere Reparaturzonen erkennen lassen. Insbesondere die Nordkurtine gleicht einem Fleckenteppich aus mehreren groß- und kleinflächigen Ausbesserungszonen, ablesbar nicht nur an der Störung des Sockelgesimses.

Burgenkundliche Würdigung

Burg Schmachtenberg entstand erst ca. 35 Jahre vor ihrer Ersterwähnung im Jahr 1466, keinesfalls früher. Der Bau steht homogen, lässt keine ältere Gründungsanlage erkennen. Wenn Mauer die Burg wegen ihrer typologischen Nähe zu staufischen Kastellburgen ins 13. Jahrhundert datiert, so lässt dies sämtliche bauzeitliche Detailformen außer acht, da es sich bei Mauers „Bogen- und Armbrustscharten" ganz eindeutig um späte Scharten für Feuerwaffen handelt. „Kastellburgen", d.h. Burganlagen über einem recht regelmäßigen, fast symmetrischen Grundriss baute man tatsächlich auch noch im 15. und 16. Jahrhundert. Eine nahegelegene, zeitgleiche Analogie findet sich in der von uns soeben untersuchten Burg Ebelsbach, deren Bauformen allerdings wesentlich weniger imposant ausfielen. Abschließend konkret zeitgleich festmachen. Vielmehr scheinen die frühesten speziell für Feuerwaffen konzipierten Scharten erst gegen 1420/30 bei uns zu erscheinen, d.h. mit einer geringfügigen zeitlichen Verzögerung. Als Prototypen im fränkischen Raum dienten zweifelsohne die innovativen Wehrbauten der hussitischen Hauptstadt Tabor in Böhmen. Ob dies auch für Hessen zutrifft, wo aus dieser Zeit etliche Schießscharten - u.a. die Schlüsselscharten an der 1431 durch Landgraf Ludwig I. von Hessen erbauten Wittelsberger Warte oder an der Amöneburg - datieren, ist ungeklärt. Natürlich gibt es aus ganz Deutschland relativ gut datierte Schießscharten aus der Zeit um 1430, doch existieren weder regionale noch überregionale Formenkataloge solch früher Schießscharten, begleitet von exakten Aufmaßen und Beschreibungen. Da vor allem Schießscharten gerne überformt bzw. modernisiert, oft genug erst sekundär eingebaut wurden,22 kann man einen solchen Katalog nur dann vertrauensvoll zitierten, wenn ihm eine kompetente, nachvollziehbare Dokumentation begleitet.

 

Seit den 1990er Jahren hat sich nun in der europäischen Burgenforschung viel getan. So konnten die Datierungen bestimmter Schießschartenformen durch neue Dendrodaten um einige Jahrzehnte nach vorne korrigiert werden: Schießscharten für leichte Feuerwaffen, die man zuvor z.B. auf 1470/80 datiert hatte, wie Maulscharten, Schlitzmaulscharten, Schlüsselscharten oder Kreuzschlitz-Schlüsselscharten, konnten nun plötzlich aus den Jahrzehnten um 1430 stammen. 23 Sie unterliegen dabei freilich differenzierten typologischen Wandlungen, die feinchronologischer Art sind. Ausgehend von den neu datierten Schießscharten der Burg Schmachtenberg erbrachten unsere Bauaufnahmen an den Burgen Raueneck, Lichtenstein, Altenstein und Ebelsbach allein in den Haßbergen mehrere umfangreiche, daher bedeutende hussitenzeitliche Befestigungswerke, die zuvor allesamt ins ausgehende 15. Jahrhundert datiert worden waren. Mit Ausnahme der Nordburg von Lichtenstein hatte man allen diesen Burgen um 1420/30 Zwingeranlagen zugefügt, wobei insbesondere Raueneck und Altenstein aufwändige und imposante Wehranlagen erhielten. Am eindrucksvollsten ist allerdings der hussitenzeitliche Zwinger, der damals um die Veste Coburg gezogen wurde. Während alle Zwinger von runden (Altenstein; Raueneck; Ebelsbach; Lichtenstein), Dförmigen (Coburg) oder leicht hufeisenförmigen (Raueneck; Schmachtenberg) bewehrtbleibt festhalten, dass die Burg Schmachtenberg als komplette Neugründung der Jahre um 1430 in einer Zeit erbaut wurde, in der Burgneubauten eine absolute Seltenheit darstellten. Dass man hier den bei uns eher seltenen, freilich traditionsbeladenen Burgentyp der Kastellburg reaktivierte, erstaunt, wenngleich sich diese Konzeption aufgrund der vorzüglichen Flankierungsmöglichkeiten - Vollflankierung bzw. Bestreichung aller Kurtinen - fast von selber für Artilleriebefestigungen anbot.

 

Weiterhin ist Schmachtenberg als relativ frühe Artilleriebefestigung nicht zuletzt auch deshalb von hohem Interesse, weil sie traditionell-konservative Bauelemente wie hohe Mauern mit Brustwehr und Wehrgang, schlanke Ecktürme und Senkscharten mit fortschrittlichen Schießschartenformen (Spaten- und Rundlochscharten) kombiniert.

Die Schießscharten

Gerade über hussitenzeitliche Schießscharten weiß man eigentlich wenig. Wir können das Aufkommen der Artilleriescharten, d.h. Feuerwaffenscharten, in England gegen Ende des 14. Jahrhunderts und in Frankreich kurz darauf noch an keinen mitteleuropäischen Objekten

Ein wurden, fallen auf Raueneck große Wehrerker - Streichwehren - auf. Torhäuser (Nord- und Südburg Lichtenstein), zumal mit verkröpften Zugängen (Lichtenstein Südburg), sind nur vereinzelt anzutreffen. Auffällig sind senkrechte Wurf- und Schussschächte in den Brustwehren (Altenstein; Raueneck; Ebelsbach) sowie Schießscharten mit extrem steil und breit abgesenkten Fußenden, die sich oft schaufelartig nach unten erweitern (Schmachtenberg; Raueneck, Altenstein; Ebelsbach; ähnlich auch an der Reichelsburg bei Aub). An Schartenformen treffen wir auf spatenförmige Scharten (Ebelsbach; Altenstein; Raueneck, Schmachtenberg; Stadtmauer Zeil), auf TScharten (Nord- und Südburg Lichtenstein; Raueneck; Ebelsbach; Coburg; Stadtmauer Zeil), T-förmige Schlüsselscharten (Altenstein, Abb. 8; Raueneck; Coburg, hier Kopf stehend, ) oder rundförmige Scharten (Schmachtenberg), ergänzt durch kleine quadratische (Schmachtenberg; Ebelsbach) oder hochrechteckige (Nordburg Lichtenstein) Schießfenster. Interessant sind jene Schießscharten, die nasenartig leicht vorkragen sowie eine Schießscharte an der mächtigen Artillerieumwehrung von Altenstein (Abb. 10), deren Sohle mehrfach abgetreppt ist (eigentlich eine Schießschartenform der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts).

In Coburg zeigen die Schießscharten der Turmobergeschosse türgroße Öffnungen, die durch zweiteilige Holzläden verschlossen werden konnten. In dem einzigen bislang unzugänglichen, d.h. nicht später überformten Turmobergeschoss hat sich in den Seitengewänden einer Schießnische nicht nur die Nut für einen hölzernen Schirm erhalten, sondern sogar der originale Schirm selbst samt seiner Schussöffnung.(siehe Literaturliste Geibig/Zeune). Dies ist ein genialer Befund. Solch hölzerne Schirmwände konnten wir bislang nur am Schloss Tratzberg (Nordtirol) und im Artillerieturm der Burg Laubenbergerstein (Oberallgäu), beide um 1460, anhand ihrer Nuten nachweisen. Fast alle der Schießscharten weisen innen im unteren Schartendrittel Löcher für Prellhölzer auf; wo diese fehlen, bezeugen schwache Abnutzungsspuren verkeilte, d.h. festgeklopfe Prellhölzer.

 

Interessant ist noch der sog. „Pfeilschartenturm" der Nordburg von Lichtenstein, der statt „um 1230" erst um 1430 entstand und zweigeschossige Schlitzscharten besitzt, die es zwei Hakenbüchsenschützen erlaubten, übereinander knieend aus ihnen zu feuern.

Pressebericht in der Mainpost

Hier finden Sie einen Bericht in der Mainpost über die Schmachtenburg und das Burgfest. Weiter zur Homepage der Mainpost.